Arbeiten in der Werbebranche
Als ich am 01.04.2002 begonnen hatte, für Scholz & Friends Berlin in der Personalabteilung zu arbeiten, hat mich die Schnelligkeit, mit der die Kollegen Themen bearbeiteten, wirklich überrascht. Ich hatte es als der von der Theorie gebeutelte Absolvent nicht leicht, sowohl schnell als auch präzise meine Aufgaben zu erledigen. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie trotz (fast täglicher) Katastrophen Agenturen funktionieren. In "Wir trinken so viel wir können, den Rest verkaufen wir." von Rainer Baginski wird wirklich sehr realitätsnah und amüsant beschrieben, was in Agenturen passiert und wie Menschen damit umgehen. Empfehlen kann ich an dieser Stelle auch "Sachdienliche Hinweise zur Werbung". Im ersten Kapitel dieses Ringbuchs wird ebenfalls sehr lebhaft vom Agenturalltag erzählt. Die Statements bekannter Agenturgrößen fand ich dabei besonders interessant.
Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass die Werbebranche derjenige aller Wirtschaftsbereiche ist, der sich mit am schnellsten bewegt und den Puls der Zeit auf Schritt und Tritt am konsequentesten verfolgt. Aber woher kommen diese spürbare Unruhe in Werbeagenturen und diese immerwährende Bewegung?
Woran liegt das?
Konkurrenz
Im Kampf um lukrative Pitches müssen Werber stets im Trend liegen, wissen, was morgen wichtig ist und vor allem "kreativer", strategisch klüger, schneller und besser als ihre Werber-Konkurrenz sein.
Kreativität
Der Konsument wird täglich mit etwa 3.500 bis 4.000 Marken- und/oder Werbeeindrücken konfrontiert. Entsprechend liegt es auf der Hand, dass es für einen Werber (eine Agentur) nicht einfach ist, für eine gelungene Produktpositionierung zu sorgen. Der Schlüssel ist - gemäß vieler namhafter Werber - die Kreativität, d.h., dass man als Werber das Neue, das Außergewöhnliche, das Überraschende entwickelt.
Kurze Vertragsdauer mit Kunden
Die Vertragsdauer mit Kunden beträgt in der Regel 1 bis 3 Jahre. Dabei handelt es sich um Millionen-Etats, die von Agentur zu Agentur wandern.
Traditionell hohe Fluktuation im Kreationsbereich
In der Werbebranche existiert eine gemeinhin hohe Fluktuation, weil Art-Direktoren und Texter sich regelmäßig in neuen Agenturen und an verschiedenen Kunden ausprobieren wollen (natürlich gibt es auch noch andere Gründe).
Und welche Folgen hat das für die Werber bzw. diejenigen, die in der Werbebranche arbeiten?
Werbung hat sich in den letzten Jahren besonders im strategischen Bereich verändert - sowohl bei der Entwicklung der Kampagnen als auch in der Art und Weise, wie Agenturen geführt werden.
Und dennoch: Bedingt durch die allgemeine und allseits verbreitete Schnelligkeit und Schnelllebigkeit geraten Mitarbeiter oft überraschend zu völlig neuen Aufgaben. Andere Mitarbeiter dagegen wachsen zu schnell oder dürfen/müssen oftmals spontan Teams leiten. Wieder andere müssen den Abgang von Kollegen über Monate kompensieren.
Bei diesen genannten Szenarien regiert in der Regel die Intuition. Für die Mitarbeiter bleibt keine Zeit, sich auf eine neue Situation optimal einzustellen, denn von heute auf morgen wird eine Top-Performance abverlangt.
Das an den Hochschulen propagierte Denken zur Problembewältigung in Schritten, auf Basis theoretisch fundierter Grundlagen eine Strategie zu planen und umzusetzen, habe ich in der Werbebranche nur selten angetroffen. Folgen wir Mintzbergs Einschätzung, handelt es sich dabei sowieso nur um eine "Folklore", einen Mythos, denn seiner Ansicht nach sind die "wirklich herausragenden Manager ... ohne Zweifel diejenigen, die effektive Prozesse der rechten Hirnhälfte (Gefühl, Intuition, Synthese) mit effektiven der linken (Klarheit, Logik, Analyse) koppeln können." (Mintzberg, 1991) Was aber, wenn Intuition regiert? Was bedeutet Entscheidungsfindung per Intuition, wenn gerade diese Entscheidungen nicht nur auf Managementebene, sondern auch auf der Ebene darunter und der darunter auf diese Weise getroffen werden?
